Startseite / Autoren / Werner Köhler [1]

1961 in Krefeld geboren, fand meine eigentliche fotografische Inspiration erst während des Grafik-Design-Studiums 1983 statt. Damals erwarb ich meine Mamiya-645-Mittelformat­kamera, mit der ich mehr als ein Viertel­jahrhundert gearbeitet habe. Erst in jüngster Zeit bin ich größtenteils auf Digitaltechnik umgestiegen.

Mich haben alte Industrie­gebäude seit jeher fasziniert. Mit deren Fotografie habe ich sporadisch in den 1990er Jahren begonnen. Hier und da standen einige interessante Bauten herum – das Hintergrundwissen fehlte jedoch. Das Internet existierte noch nicht, und so entdeckte ich meine „Locations“ eher zufällig. Vom „kochenden Pott“ mit Stahlwerken und Zechen habe ich trotz seiner Nähe zu Krefeld nur wenig mitbekommen. Lange Zeit fehlte mir der Zugang zu dieser ungewöhnlichen Welt.

Meine Aufnahmen – ausschließlich Außen­architektur – entstanden anfangs überwiegend in Schwarzweiß. Nicht nur aus Kostengründen, auch schien die nostalgische und oftmals etwas düstere Atmosphäre dieser Gebäude besser zur Geltung zu kommen.

Eine weitere Initialzündung war die Besichtigung jener Industrie­denkmäler und ‑museen, die in den 90er-Jahren geschaffen wurden, um wenigstens einen Teil der langsam wieder verschwindenden Industrie­landschaft für die Nachwelt zu konservieren oder einer neuen Nutzung zuzuführen. Der Begriff der „Industrie­kultur“ war aus der Taufe gehoben.

Nach der ersten Euphorie über Industrie­gebäude als Kultur­denkmäler ist inzwischen wieder im Bewusstsein vieler Bürger ein Zustand erreicht, wo solche als schnell zu entsorgende „Schand­flecken“ gelten. Inzwischen, wo mit Industrie­kultur vor allem Ballett in der Kokerei assoziiert wird, habe ich angefangen, verstärkt nach Authentischem zu suchen. Nach Objekten, die wenigstens noch etwas nach Maloche riechen.

Ich begann, Ausschau nach den letzten Zechen zu halten. Früher war es nicht ganz einfach, diese Anlagen ausfindig zu machen und ohne Auto zu erreichen, geschweige denn, zu betreten. Um so erstaunter war ich, als ich feststellen musste, dass es inzwischen möglich ist, Bergwerke ganz einfach durch den Vordereingang zu besichtigen. Ein paar nette Anfragen bei den Verantwort­lichen öffneten Türen. Hierbei habe ich eigentlich nur aufge­schlossene Menschen kennengelernt – Kumpels im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bekam Respekt vor Leuten, die ihr Handwerk beherrschten. So manches Vorurteil über die Welt der „einfachen Arbeiter“ blieb verdammt schnell auf der Strecke.

Warum fotografiere ich? Und was genau fotografiere ich? Schwierige Fragen. Trend des Internet-Zeitalters ist „Urban Exploration“, wo es um Innen­besichtigung möglichst baufälliger Gemäuer geht. Nicht, dass hier nicht auch interessante Fotos entstehen können, aber mein Schwerpunkt liegt woanders. Die Fotografie als solche hat für mich Vorrang vor Nervenkitzel.

Zugegebener­maßen kann ich mich dem Reiz neoromantischer Ruinen­szenen mit leichtem „Gruselfaktor“ nicht völlig entziehen. Dennoch freue ich mich, wenn ich die Möglichkeit habe, noch laufende Betriebe zu dokumentieren. Hierbei widme ich mich nicht nur der Montan­industrie, sondern auch anderen Bereichen.

Längst hat auch das Innere der Gebäude mein Interesse erweckt: riesige Maschinen, deren Funktion ich ursprünglich nicht kannte. Deshalb fotografiere ich inzwischen auch Nachkriegsbauten, sofern deren Innenleben mein Interesse erweckt.

Stilistisch habe ich inzwischen auch die Farbe zu schätzen gelernt, die einem die Digitaltechnik „frei Haus“ liefert. Zumal ich Stimmungen nicht gänzlich aus meinen Fotos verbannen möchte. Ich verschließe mich auch nicht modernen Techniken wie HDR und Tonemapping, allerdings nur, soweit sie behutsam und unauffällig benutzt werden und das Motiv nicht zerstören. Leider ist in dieser Hinsicht ein Trend zur totalen Verkitschung festzustellen, dem ich micht nicht anschließen werde.

Dokumentiere ich? Mache ich Kunst? Man kann sich sowohl inhaltlich als auch gestalterisch mit den Objekten auseinander­setzen. Wenn ich eine Schraube sehe, hat sie einerseits eine bestimmte Funktion. Andererseits kann sie ein bizarres Objekt sein. Möglichst beides möchte ich erfassen. Außerdem bedeutet Kunst für mich auch, handwerklich gute Arbeiten zu liefern. Ich hoffe, es gelingt mir.

Ich bin beileibe nicht jemand, der die Industrie­gesellschaft unkritisch vergöttert. Je weiter man zeitlich zurückblickt, desto unromantischer war diese Welt: Dreck und Schinderei, und so mancher Arbeiter lebte nicht lange. Es ist vielleicht die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo akzeptable Sozial- und Umwelt­standards erreicht wurden, das industrielle Zeitalter zu Ende geht. Die Industrie hat Menschen und Landschaften geprägt, hat faszinierende Bauwerke geschaffen. Das ist es, was ich unter Industrie­kultur verstehe. Ich wünsche mir, dass die Erinnerung daran nicht verloren geht. Zumindest mit Fotos lässt sich etwas davon retten und vielleicht auch das Interesse der Verantwortlichen für den Denkmalschutz schärfen.

Tipp